Helmstedter Universitätstage

22. Helmstedter Universitätstage 2016

15.-18.09.2016

Das Jahrhundert der Parallelbiographien

 

Die Helmstedter Universitätstage 2016 nähern sich dem Jahrhundert der extremen Brüche und Brechungen aus einer doppelbiographischen Perspektive an, die die Inkonsistenz, die Kontingenz, die Gewalt des vergangenen Jahrhunderts zum Sprechen bringen soll.

Sie tun es in diesem Jahr etwa risikoreicher, experimenteller, spielerischer als sonst, indem sie gerade nicht die glättende  Arbeit am vorwärts gelebten und rückwärts verstandenen Leben in den Fokus rückt, sondern im Gegenteil die gegensätzliche Auslegung derselben Lebensaufgabe in unterschiedlichen Kontexten und das Wechselspiel von Annäherung und Abwendung in parallelen Lebensgeschichten. Die Leitfrage der geplanten Reihe lautet: Wie spiegeln sich die Umbrüche, die Frontstellungen, die Parallelen des 20. Jahrhundert mit seinen konkurrierenden und gleichzeitigen Weltordnungen in lebensgeschichtlicher Verflechtungen und Parallelbiographien?

Dabei mustert die Reihe unterschiedliche Muster der biographischen Beziehung und des biographischen Vergleichs, die sich mit den typisierenden Kategorien des Gefährten, des Gegners und des Counterparts oder Amtskollegen umschreiben lassen. Gefährtenschaft kann verwandtschaftlich, amourös, intellektuell oder politisch sein, muss aber auf nach der hier gewählten Definition auf einer tatsächlichen kooperativen Beziehung oder zumindest Interaktion beruhen, also nicht erst vom Biographen aufgrund einer nachzeitig auffälligen biographischen Parallele gestiftet werden. Der Gegnertypus zielt auf eine negative Gemeinschaft durch Abgrenzung, deren verbindendes Element die wechselseitige Konkurrenz und Bekämpfung ist, aber nicht zwingend ein persönliches Verhältnis, nicht einmal eine persönliche Bekanntschaft voraussetzt, wohl aber eine gegenseitige Rezeption. Der dritte Typus des Counterparts oder (Amts-)Kollegen umfasst den Bereich der funktionalen Äquivalenz von Karrieremustern und politischen Positionen und wird hier besonders auf die Ost-West-Parallelität bezogen, kann aber auch jede andere Form von institutioneller Parallelität meinen. Alle genannten Formen der Paarbeziehung haben dabei breite Überlappungsränder und können wie im Fall der Eisler-Geschwister oder der Wehner-Honecker-Beziehung sogar ineinander übergehen.

Das zweite Eingrenzungskriterium ist zeitlich definiert. Hier interessierende Paar-Biographien spiegeln die Parallelität der drei zeitgleich miteinander wetteifernden Großordnungen des 20. Jahrhunderts – Kommunismus, Faschismus, Liberalismus – und hier entsprechend dem Signum der Helmstedter Universitätstage besonders den Ost-West-Konflikt in seiner deutschen und europäischen Ausprägung.

Aus der Vielzahl möglicher Doppelporträts bieten sich besonders solche Parallelbiographien an die in der beziehungsgeschichtlichen Betrachtung einen  überraschenden Erkenntnisgewinn erbringen – also „im Gegenlicht“ neue biographische Facetten sichtbar machen oder gewohnte politische oder kulturelle Zuordnungen in Frage stellen und so das 20. Jahrhundert besser zu verstehen erlauben.